Grüner Hering

Grüner Hering oder Matjes geht auch auf Rügen

Ich war das erste Mal an der Ostsee. Ist es eigentlich “die” oder “der” Ostsee? Dieses Gewässer ja nicht sehr groß, wenn auch immerhin der größte Salzwasser-See der Erde.

Zu Besuch auf der Ostsee-Insel Rügen fällt mir unter anderem auf, dass hier überall Fisch verkauft wird – in allen Zubereitungsarten. Hier wird auch viel Fisch geräuchert, für die Touristen vornehmlich. Räucherhaus hier, Räucherbude am Strand, Räucherfisch am Schiffsanleger und so weiter. Es ist Ende April und es gibt schon Matjes. Muss ich mich da wundern?
Wer mich kennt, weiß ja, dass ich eigentlich keinen Fisch mag, aber … als Tatar vom Matjes, Thunfisch oder Lachs, total frisch und roh zubereitet mag ich es gerne. (ohne Gräten natürlich)

Matjes im Fass

Hier auf Rügen bekommt man in jedem Restaurant und in jeder Fischbude Matjes und manchmal auch Matjestatar. Also habe ich einige “solcher” Gerichte probiert.

Die Zubereitungsarten variieren zwischen grob geschnitten, ganz fein gehackt und ganz matschig, einfach vermengt und mehr oder weniger gewürzt. Das meiste “Zeugs” ist lieblos gemacht und von schlechter Warenqualität. Dann ist der Fisch auch grau, trocken und fade, manchmal schmeckt das Tatar sogar muffig oder tranig. Dann hilft nur die nächste Tonne. So etwas sollte man nicht essen.

Auf einem unserer Wanderungen war ich unterwegs zum Kap Arkona. Man muss nicht unbedingt dort gewesen sein – oder aber man spart es sich einfach auf bis ins hohe Rentenalter, um sich dort wohl zu fühlen. Der Fahrer der Bimmelbahn zum Kap sprach, nach einem lauten Dingdong zum Wecken der müden Rentner, eine Empfehlung für das Fischerdorf Viett aus. “Bitte besuchen Sie auch das romatische Fischerdorf … blablabla … es lohnt sich … ” … und essen und trinken sie ausreichend und kaufen sie möglichst viele Andenken. (Anm.d.R.)

Nach einer halben Stunde Fußmarsch auf einem schlechten Weg, aber mit toller Aussicht direkt an der Steilküste, folgte ich dem steilen Abstieg in eine kleine Bucht. Dort gibt es ein wirklich keines Fischerdorf, eine mittlere Anzahl umgebauter Häuser, Garagen und sonstiger Gebäude, die mehr oder weniger ansehnliche Restaurants beherbergen – eher von der Kategorie Touri-Nepp. Ich war wirklich angekommen im Örtchen Viert.

Meine Wahl fiel auf das nächstbeste Restaurant, dessen Terrasse in der Sonne lag. Einfach, nicht besonderes, aber sauber und taff. Die Karte war übersichtlich, nur ein paar Gerichte, allesamt Fisch – was in einem Fischerdorf ja nicht weiter verwerflich ist.

Zum probieren bestellt man am Besten zwei Gerichte – “Zweimal Fisch, bitte.” – mit Wein  von einer Karte, die eher einer Pommesbude als einem Fischrestaurant zuzuordnen wäre. Am Ende der Fisch aber doch schwimmen, weshalb ich einem Müller-Thurgau aus Baden und einem Silvaner aus Rheinhessen bestellte, also eher als Begleitung für Fisch und die Region untypische Sorten. Beide kamen sehr kalt – was deren Geschmack reduzierte und sich am Ende als positiv herausstellte.

Der Fisch kam prompt, als ob man geahnt hätte, was wir bestellen würden – und zwar einmal Lachs mit Reibekuchen und Frischkäse und einmal Matjes-Tatar auf Bruscetta. Der Lachs war von ordentlicher Qualität, nix selbst mariniert oder geräuchert – Tüte auf, die perfekt maschinell geschnittenen Scheiben kurz gebraten und auf den Teller, dazu die industriell vorgefertigte Kartoffelpufferscheibe in die Fritteuse und fertig, A&P Frischkäse daneben und rausgeschickt für 8,90€. Das konnte man gut essen, keine Einwände.

Als zweites Gericht kam Matjes-Tatar. Wir vergessen mal diese dicken Scheiben von der industriell hergestellten Franzosenstange und auch die Karottenraspel aus dem Glas sowie die trockene Ecke von der Hollandtomate, die sich auch auf dem Teller befanden. Es war perfekter Matjes. In grobe Würfel geschnitten und mit Zwiebelwürfeln und Petersilie vermengt, fein abgeschmeckt mit einem milden Essig und etwas Zitronensaft, gewürzt nur mit der Lake aus dem Fass. Mild und würzig. Die Sonne schien wärmer und der Wind stand still. Auf einmal schmeckte auch der Wein dazu.

Man sollte halt immer dorthin gehen, wo man sich mit den Produkten auskennt. Der Matjes war im Fischerdorf selber hergestellt und aus eigenem Fang. Die Köchin hieß Helga und sie nannte es “Helga`s Pfeffermatjes”. Leider habe ich kein Foto gemacht, die Kamera war im Auto liegen geblieben.

Gut, dass ich da war. So was leckeres habe ich selten gegessen. Andererseits gibt es aber auch sehr schlechtes Essen auf Rügen, das muss man ganz klar sagen. Man ist sichtlich bemüht, eine gute und hohe gastronomische Qualität zu liefern, aber das Ende April vorherrschende Publikum ist nicht geeignet, kulinarische Exzesse herauf zu beschwören. Rügen ist halt nicht Sylt. In diesem Sinne …

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.